Frei und los

Jede Chance auf Erlösung verwirkt

Scott Keith

06.12.2019

Ich bin ein eifriger Verfechter von Apologetik. Apologetik bezeichnet gemeinhin die Verteidigung des christlichen Glaubens. Die Einfachheit dieser Definition verdeckt aber die Komplexität der Frage, was Apologetik genau ist und wie man sie in die Praxis umsetzen kann. Denn wenn es praktisch wird, gibt es eine große Brandbreite apologetischer Ansätze. Dementsprechend habe ich selbst apologetische Techniken gelernt und eingeübt und viele Jahre damit verbracht, sie anderen beizubringen. In der Regel bediene ich mich der evidenzbasierten Argumentation, aber es gibt noch andere Methoden.

Auch wenn ich Apologetik extrem wichtig finde: In der Realität ist es bisweilen kein intellektuelles Argument, das Leute davon abhält, sich dem Kreuz Christi zu nähern. Mitunter sind es andere Faktoren, darunter die Tatsache, dass manche Leute das Gefühl haben, jede Chance auf Erlösung vertan zu haben.

In der Realität ist es bisweilen kein intellektuelles Argument, das Leute davon abhält, sich dem Kreuz Christi zu nähern.

Im Jahr 2001 bin ich mit unserer Familie von Lake Arrowhead in Kalifornien nach Carson City in Nevada umgezogen. Es gab viele gute Gründe umzuziehen; ausschlaggebend war aber, dass wir so näher bei meiner Familie wohnten. Meine Mutter, meine Großmutter sowie Großtante und –Onkel lebten alle in Minden, nur knapp 32 Kilometer von unserem zu Hause in Carson City entfernt. Unser Umzug brachte uns eine Menge Segen. Am meisten von allem beeindruckte es mich, meinen Großonkel Al kennenzulernen, den Bruder meines Großvaters. Mein Großvater starb, als ich zwölf Jahre alt war und so war es wirklich eine Freude, Onkel Al besser kennenzulernen.

Onkel Al war kein Christ. Er hatte Jahre seines Lebens als Alkoholiker verbracht und als Ergebnis davon hatte er seine erste Ehe zerstört und seine Familie auseinandergerissen. Er war bereits seit vielen Jahren clean und nüchtern gewesen und hatte erneut geheiratet bevor ich geboren wurde. Er war auf viele Weisen ein großartiger Mann, aber er hatte auch regelmäßig mit den Konsequenzen seiner verkorksten Vergangenheit zu kämpfen.

Über die Jahre hatten wir viele Gespräche bezüglich des christlichen Glaubens. Ich hatte mehr als ein Jahrzehnt Zeit, ihm gegenüber alle meine besten apologetischen Argumente aufzufahren. Aus meiner Sicht blieben sowohl das Evangelium, das ich Al predigte, als auch die apologetischen Techniken, die ich in unseren Diskussionen nutzte, vergebens. Sie fielen auf brachliegenden Boden.

Versteht mich nicht falsch. Al war nicht gegen Christen oder das Christentum. Er unterstützte mich sowohl emotional als auch finanziell durch mein Promotionsstudium in Systematischer Theologie hindurch. Ich glaube er liebte mich und tat sein Bestes, um mich in dem Bemühen um meine höheren Abschlüsse zu unterstützen. Auf vielfältige Weise war er wiederum ein sehr guter Mann. Gegen Ende seines Lebens arbeitete ich in Teilzeit bei einer ortsansässigen Kirchengemeinde. Er kam oft vorbei und setze ich in die erste Reihe, um mich predigen und lehren zu hören.

Im reifen Alter von 95 Jahren wurde Al sehr krank. Ich habe nie genau erfahren, was er hatte, aber es schien so, als würde ihn das Alter schließlich einholen. An vielen Tagen kam ich ihn in seinem Krankenhauszimmer und an seinem Krankbett daheim besuchen, um ihn zu ermuntern und zu trösten. Er hatte keinen Pastor; er hatte nur mich. Und dann, am Neujahrsabend, erhielt ich einen Anruf von meiner Großtante, als ich mich gerade mit meiner Frau auf den Weg zum Abendessen machen wollte. Sie sagte mir, dass Onkel Al im Begriff sei zu sterben und dass er mich sehen wolle. Wir passten unsere Pläne für das Abendessen an und machten uns auf den Weg. Als wir ankamen, setzte ich mich neben ihn und begann über Belanglosigkeiten zu plaudern. Al war mein ausweichendes Gerede schnell leid und ergriff das Wort: „Hast du mir nicht etwas zu sagen?“

Benebelt von seiner Direktheit nahm ich einen tiefen Atemzug, stand auf, legte meine beiden Hände auf seinen Kopf und sagte mit zitternder Stimme: „Im Namen Christi vergebe ich dir alle deine Sünden.“ Ich hatte nicht besonders das Gefühl, das Recht dazu zu haben, aber Al brauchte Vergebung an Ort und Stelle. Er sah mich an mit Tränen in seinen Augen und sagte: „Wenn du nur die Hälfte von dem wüsstest, was ich in meinen Leben getan habe, würdest du das nicht sagen. Ich habe jede Chance auf Erlösung vertan. Wenn du mich kennen würdest, würdest du nicht einmal in mein Haus kommen.“

Ich nahm einen weiteren tiefen Atemzug und setze mich. Ich sah Al in die Augen und sagte: „Al, Christus weiß besser als du, was du alles in deinem Leben getan hat. Er hat all deine Sünden auf Sich selbst genommen und alles was dir bleibt ist aufzuhören unablässig in den Morast all deiner vergangenen Sünden zu tauchen und an Ihn zu glauben. „Viel mehr“, sagte ich, „hat Er sogar die Mittel bereitgestellt, dir diesen Glauben zu geben.“ „Noch einmal,“, sagte ich, „deine Sünden sind dir vergeben im Namen Christi.“

Tränen strömten nun von seinen Augen und fielen von seinem Kinn in seinen Schoß. Er sah mir direkt in die Augen und sagte: „Ich glaube.“ Und ich sagte wiederum: „Und dir ist vergeben.“

Der Tod Christi ist genug für alle, sogar für Christen.

Vielleicht hatten die Jahre, über die hinweg er das Evangelium gehört hatte, den Boden seines toten Herzens erweicht. Möglicherweise hatten meine Jahre des „apologetisierens“ etwas geholfen. Möglich, dass er auf dem Totenbett schließlich realisierte, dass dort, wo es um Christus geht, niemand die Chance auf Erlösung vertan hat. Al starb sechs Tage später in Christus. Zwei Wochen nach seinem Tod verkündete ich das Evangelium bei einer privaten Beerdigungsfeier für ihn. Ich stand über seinem Grab, sprach die Worte „Asche zu Asche und Staub zu Staub“ und bekannte, dass wir in der verlässlichen und gewissen Hoffnung der Auferstehung und des ewigen Lebens in der kommenden Welt stehen.

Meine Freunde, ihr habt nicht jede Chance auf Erlösung vertan. Ihr habt sie nie verloren. Der Tod Christi ist genug für alle, sogar für Christen. Ihr könnt nichts tun; ihr werdet nichts tun, um etwas zu seinem Werk für euch beizusteuern. Außerhalb von Christus gibt es keine Hoffnung. In Christus wird alle Hoffnung erfüllt werden. „Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, aber an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.“ (Röm 4,5). Das ist Christus für dich. Jede Chance auf Erlösung vertan? In Christus gibt es das nicht.

(Der Artikel erschien zuerst auf 1517.org)

Scott Keith ist der Geschäftsführer von 1517. Der Theologe und Melanchthon-Kenner ist außerdem außerordentlicher Professor an der Concordia Universtität in Irvine, Kalifornien (USA). Woche für Woche ist er in dem Podcast The Thinking Fellows zu hören, wo er verständlich und alltagsnah über theologische Themen spricht. In seinem Buch Being Dad: Father as a Picture of God’s Grace entwickelt er ein Vater-Bild, das vor allem auf Liebe und Gnade beruht.